Stellungnahme an die HAZ von Mai 2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit dieser Stellungnahme kritisieren wir als Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (AKS) Hannover den permanenten Rassismus gegenüber Sinti*ze und Rom*nja in Ihrer Berichterstattung. 

Die Verbreitung von antiziganistischen Einstellungen in der Gesellschaft wird durch die Darstellung von Sinti*ze und Rom*nja in den Medien maßgeblich unterstützt und weiße Dominanz betont. Zahlreich werden auch in Ihren Artikeln jahrhundertealte antiziganistische Stereotype bedient, reproduziert und somit gesellschaftlich verfestigt: In den vergangenen eineinhalb Jahren mussten wir mehrheitlich eine undifferenzierte und kriminalisierende Darstellung von Sinti*ze und Rom*nja sowie Menschen, die als diese wahrgenommen bzw. markiert werden, feststellen. Zudem kommen von den Zuschreibungen betroffene Personen in Ihrer Berichterstattung nicht zu Wort und werden gleichzeitig nicht einmal als potentielle Leser*innen der HAZ in Betracht gezogen. Wäre das anders, würden Sie auf antiziganistische Stereotype, wie: Nichtsesshaftigkeit, Analphabetismus, Kriminalität, Betteln, Nichtintegrationswille bzw. –fähigkeit, Sozialbetrug und vieles mehr verzichten. So wird nicht nur die jahrhundertelange soziale Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung negiert, sondern auch die bestehenden transnationalen, gesellschaftlichen Ungleichheits- und Diskriminierungsverhältnisse.

In Ihren Artikeln werden Kriminalität sowie desolate Wohn- und Lebensverhältnisse durch ein zugeschriebenes „Romasein“ erklärt. Dabei werden die konkrete soziale, politische und rechtliche Situation der Betroffenen sowie deren Ursachen nicht mit einbezogen. Diese Praxis widerspricht den Grundsätzen des deutschen Presserates nach Artikel 12. 

In Ihren Artikeln werden Sinti*ze und Rom*nja zu einer homogenen Gruppe gemacht, dabei bleibt unklar, ob es sich bei „Sinti und Roma“ um eine Selbst- oder Fremdbezeichnung handelt und wer tatsächlich damit gemeint ist. 

Als Journalist*innen haben Sie eine gesellschaftliche Verantwortung und die Möglichkeit rassistische Verhältnisse zu benennen und diesen entgegenzuwirken. Durch Ihre unreflektierte Berichterstattung tragen Sie hingegen als meistgelesene Tageszeitung in Niedersachsen maßgeblich zu einer rassistischen Meinungsbildung bei. Dies wird u.A. online durch die Leser*innen-kommentare zu Ihren Artikeln deutlich.
Deshalb fordern wir:

Eine differenzierte, selbstreflexive, vorurteilsbewusste und diskriminierungsfreie Berichterstattung, bei der vor allem auch Perspektiven von Betroffenen einbezogen werden. Um dies zu gewährleisten ist es insbesondere wichtig, dass Sie sich mit Ihren eigenen stereotypisierten Bildern auseinandersetzen und diese kritisch hinterfragen. 

Dieses Schreiben und Ihre Reaktion werden zur Dokumentation veröffentlicht.

Anliegend finden Sie eine ausführliche qualitative Inhaltsanalyse zu medialem Rassismus gegenüber Sinti*ze und Rom*nja in der HAZ von 2011-2014.

In Erwartung Ihrer Antwort verbleiben wir mit freundlich-kritischen Grüßen.

AKS Hannover

Reaktionen:

Antwort von Hendrik Brandt (Chefredakteur der HAZ) vom 18.05.2015

Sehr geehrte Damen und Herren, 

haben Sie Dank für Ihre Mail und das darin übersandte Material. Erlauben Sie mir einen Hinweis und eine Anregung.

Zunächst: Wir sind uns unserer publizistischen Verantwortung auch und gerade in diesem komplexen Bereich sehr bewusst. Sie ist allerdings ungeteilt – möglicherweise Diskriminierte (und also auch die Diskriminierenden) müssen wir ebenso in den Blick nehmen wie etwa Opfer wie Täter im Bereich von Verbrechen. Wir arbeiten täglich daran, dies in die Waage zu bekommen. Das mag nicht in jedem Text, in jeder Formulierung immer perfekt gelingen – der Grundsatz aber ist klar: In der HAZ wird niemand diskriminiert. 

Eine Anregung zum Verfahren: Ich finde es eher unerquicklich, mit einem anonymen „Arbeitskreis“ diskutieren zu sollen. Vielleicht gelingt es uns jedoch gemeinsam, einmal strukturiert miteinander zu sprechen und möglicherweise auch das eine oder andere Vorurteil auszuräumen. 

Wir stehen hierzu gern bereit. 

Mit besten Grüßen,
Hendrik Brandt 
Chefredakteur

AKS
Sehr geehrter Hendrik Brandt,

wir freuen uns über Ihre Bereitschaft sich mit unserer Kritik an der antiziganistischen Berichterstattung in der HAZ konstruktiv auseinanderzusetzen und sind unsererseits gerne zu einem Treffen mit Ihnen und Ihren Kolleg_innen bereit.
Wir kommen dazu gerne in die Redaktion.

Sicher konnten Sie mittlerweile feststellen, dass wir keineswegs anonym auftreten. Unsere Stellungnahme haben wir namentlich unterschrieben und postalisch an Ihre Redaktion geschickt. Zudem können Sie über die Homepage: http://www.kritischesozialearbeit.de einen Einblick in das Engagement und die Themen der unterschiedlichen Arbeitskreise Kritische Soziale Arbeit in ganz Deutschland gewinnen. Wir sind ein offener Arbeitskreis in dem Studierende, Praktiker_innen der Sozialen Arbeit, Lehrende und Wissenschaftler_innen organisiert sind.

Wir freuen uns auf die weitere Diskussion und verbleiben mit freundlich-kritischen Grüßen
AKS Hannover

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