Redebeitrag zum 75. Jahrestag der Befreiung vom NS Regime am 8. Mai 2020

Foto von Felix Dressler

– Erinnern heißt kämpfen – 

Heute vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945 hat Nazi-Deutschland kapituliert. Wir feiern die Befreiung vom NS-Regime und wir gedenken den über 60 Millionen Opfern: den verfolgten, vertriebenen und auf grausamste Weise ermordeten Jüdinnen*Juden, Sinte*zza und Rom*nja, als „aussätzig“ oder „asozial“ markierten Menschen, den politischen Gegner*innen und all jenen, die dem Rassenwahn der deutschen Besatzung zum Opfer fielen. 

Heute, nach 75 Jahren, bedeutet dieses Erinnern, weiter zu kämpfen – gegen den Faschismus, gegen Rechtsextremismus und Rassismus! Denn auch nach 75 Jahren können Rechte Parteien in Parlamenten sitzen und demokratische Diskurse lenken. Nach 75 Jahren wird weiter gemordet. Seit 75 Jahren wird dabei weiter zugeschaut.

Antidemokratische Einstellungen und offen menschenverachtende Haltungen werden zunehmend salonfähig. Rassistische Anschläge wie in Hanau oder antisemitische Vorfälle wie in Halle verdeutlichen dies auf brutale Weise. Trotzdem werden solche Vorfälle, wie schon beim NSU-Komplex, „Einzeltätern“ zugeschrieben, rechte Tatmotive infrage gestellt und damit von politisch Verantwortlichen verharmlost. In den Sozialen Medien haben es neurechte Organisationen heutzutage besonders leicht, ihre menschenfeindlichen Ideologien zu verbreiten und auf erschreckend manipulativer sowie überzeugender Weise Sympathisant*innen zu gewinnen. Rechtsextreme geben sich als sozial Engagierte aus und versuchen vermehrt in Bereichen Sozialer Arbeit Fuß zu fassen, wie zuletzt Kim B. – Aktivistin der extrem rechten Identitären Bewegung – die monatelang in einem hannoverschen Jugendzentrum angestellt war.[1]

Politisch wird für all dies nicht nur der Boden bereitet, sondern auch gemütlich dabei zugesehen, wie der Rassismus in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen wächst und immer extremere Formen annimmt. Gleichzeitig wird antifaschistischer Widerstand zunehmend erschwert und kriminalisiert: 

Verteidiger*innen von Demokratie[2] und Menschenrechten müssen damit rechnen, angegriffen oder ermordet zu werden. Linke und alternative Jugendzentren müssen sich immer mehr mit konservativer und rechter Schikane beschäftigen und die eigentlich demokratische und emanzipatorische Jugendarbeit wird dadurch verhindert, bzw. findet immer weniger Raum. Emanzipatorischen, progressiven, herrschaftskritischen, antifaschistischen Organisationen wird die Gemeinnützigkeit entzogen[3], die Förderungen von Beratungs- und Bildungsangeboten gegen Rassismus und Rechtsextremismus werden gekürzt.[4] Demokratische Strukturen wackeln gewaltig! Aktuell hält die niedersächsische Landesregierung es für notwendig, Projekte gegen Linksextremismus zu fördern. Das ist nicht nur wissenschaftlich haltlos und absurd, sondern verwischt die rassistische Wirklichkeit und verharmlost mit verheerenden Folgen die tatsächliche Bedrohung, die von rechter Gewalt ausgeht. Rassistisch motivierten Morden werden antifaschistische Kämpfe um Befreiung gleichgesetzt.

All diese Beispiele markieren nur die sichtbare Spitze des Eisbergs einer Gesellschaft, die es in 75 Jahren nicht geschafft hat, die NS-Geschichte aufzuarbeiten und mit der rassistischen, nationalistischen Kontinuität zu brechen. Im Bewusstsein der vergangenen und gegenwärtigen Tendenzen muss es unser aller Aufgabe sein, neuem Hass und Rassismus in unserer Gesellschaft immer wieder Solidarität und Weltoffenheit in aller Entschiedenheit entgegenzustellen. 

Wir teilen die Forderung von Esther Bejarano, den 8. Mai zum gesetzlichen Feiertag zu machen, damit wir – wie Esther Bejarano es ausdrückt „begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war“ und wir fordern damit, dass auch die Politik entschlossen gegen Neonazis vorgeht.[5] Der 8. Mai als Feiertag, damit wir unsere Vergangenheit nicht vergessen, und damit wir nicht vergessen, was die Erinnerung an diesen Tag den folgenden Generationen aufträgt: nämlich weiter zu kämpfen, gemeinsam in die Offensive zu gehen und so lange keine Ruhe zu geben, bis Nazis aus Parlamenten, Behörden und Nachbarschaften verschwinden.

Als Sozialarbeiter*innen sind wir laut Definition ethisch dazu verpflichtet, „den sozialen Zusam-menhalt und die Ermächtigung und Befreiung von Menschen“ zu fördern. Dabei sind „die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, der Menschenrechte, der gemeinschaftlichen Verantwortung und der Anerkennung der Verschiedenheit richtungsweisend“.[6] Als kritische Sozialarbeiter*innen müssen wir der Verwobenheit unserer Profession innerhalb des Nationalsozialismus gegenübertreten. Fachkräfte der Sozialen Arbeit haben sich während der Naziherrschaft in Deutschland schuldig gemacht an der Ausgrenzung und Vernichtung von hilfebedürftigen Menschen, den sogenannten „Volksschädlingen“.[7] Aus dieser Geschichte und mit diesem Bewusstsein ergibt sich für uns als kritische Sozialarbeiter*innen für heute der unabdingbare Auftrag, nicht systemerhaltend, sondern systemkritisch zu handeln! Wie vereinzelt während des Nationalsozialismus bedeutet Soziale Arbeit auch heute Widerstand! Gegen Ungerechtigkeit, gegen Unterdrückung, gegen Ausbeutung, gegen Menschenfeindlichkeit in jeglicher Form.

Das bedeutet ganz konkret, sich seiner politischen Verantwortung bewusst zu sein und gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu kritisieren.

Das bedeutet, die Funktion Sozialer Arbeit in den Machtstrukturen zu reflektieren und das Handeln an den Menschenrechten und der Sozialen Gerechtigkeit zu orientieren. 

Das bedeutet, normierende und normalisierende Aufträge an die Soziale Arbeit zu hinterfragen und sich entschlossen Aufträgen zu verweigern, wenn diese den Grundsätzen der Menschenrechte widersprechen. 

Und das bedeutet insbesondere, in grenzenloser Solidarität an der Seite derer zu kämpfen, deren Rechte und Würde in dieser Gesellschaft unsichtbar gemacht und mit Füßen getreten werden. 

Wir stehen hier nicht nur als Figuren der Sozialen Arbeit sondern als Menschen wie ihr alle, denen Werte wie Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Solidarität wichtig sind. Soziale Arbeit gilt uns dabei als beruflicher Rahmen und institutionalisiertes Sprachrohr für den Kampf um Menschlichkeit und radikale Demokratie.

Die Lage ist Ernst! 

Wir fordern, dass die Probleme dieser Gesellschaft – der bestehende Rassismus und Rechtsextremismus – als solche auch in der Politik benannt werden.

Wir fordern von der Politik, entsprechende Mittel und Maßnahmen einzusetzen, um rechtsextreme Strukturen aufzudecken, zu verbieten und Rassismus zu überwinden.

Wir fordern ein Ende der Gleichsetzung von rechtem und linken Extremismus, die eben diese Kämpfe auszubremsen versucht.

Wir fordern Akteur*innen der Sozialen Arbeit auf, wachsam zu sein für Rassismus und Rechtsextremismus in der Gesellschaft und der Profession, sich öffentlich und deutlich gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu positionieren, entschlossen zu handeln und sich parteilich und solidarisch mit Rassismusbetroffenen zu zeigen.

Wir fordern von unseren Mitmenschen, sich den Kämpfen gegen Rassismus anzuschließen und lauter zu werden; Rassismus aufzuzeigen, ihm entschlossen gemeinschaftlich entgegenzutreten und so zu signalisieren, dass die Freund*innen der Demokratie, der Menschlichkeit, der grenzenlosen Solidarität, des Respekts und der gegenseitigen Achtung mehr sind und nicht verstummen werden. 

Erinnern heißt kämpfen – Entnazifizierung jetzt!


[1] Vgl. https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2020/02/25/wie-jugendtreffs-von-identitaeren-unterwandert-werden_29603.

[2] Als demokratisch bezeichnet sich auch die AfD. Doch nur, weil die Partei durch Wahlen legitimiert ist, ist sie noch lange nicht demokratisch. In unserem Verständnis sind das Mitdenken der universellen Menschenrechte, die Werte der Freiheit und Gleichheit und der Schutz jedes einzelnen Individuums zentral für demokratische Strukturen. Die AfD und andere rechte Gruppierungen wirken genau diesen Grundsätzen entgegen oder bekämpfen sie sogar.

[3] Z.B. VVN/BdA (Verein der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten), Campact, und attac.

[4] Z.B. Demokratie leben, Amadeu-Antonio-Stiftung.

[5] Vgl. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-01/esther-bejarano-feiertag-nierderschlagung-ns-regime-auschwitz-komitee

[6] Definition der Sozialen Arbeit: https://www.dbsh.de/profession/definition-der-sozialen-arbeit/deutsche-fassung.html

[7] Vgl. https://www.dbsh.de/fileadmin/downloads/20170419_Erkl%C3%A4rung_zur_Verantwortung_Sozialer_Arbeit_im_dritten_Reich.pdf.

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