Berichte aus der Praxis Sozialer Arbeit in der Corona-Pandemie – Bericht Nr. 1

Am 9. April haben wir dazu aufgerufen, Beobachtungen und Eindrücke aus der Praxis Sozialer Arbeit unter den einschränkenden Maßnahmen im Kontext der Corona-Pandemie zu teilen. Wir dokumentieren hier wie die ohnehin prekären Situationen der Adressat*innen sich in der derzeitigen Ausnahmesituation verschärfen. Vielen Dank für die bisherigen Beiträge!

Es geht los mit einem Beitrag vom 22.04.2020 aus dem Kontext der Migrationsberatung:

Ganz allgemein, das heißt unabhängig vom Arbeitsfeld innerhalb der
Sozialen Arbeit, wiegt natürlich in der gegenwärtigen Situation der Pandemie die Angst der Adressat*innen besonders schwer. Die Angst, die vom Menschen als eines der stärksten wahrgenommenen Gefühle ist, kann in der ungewissen Situation der Pandemie von Adressat*innen derart intensiv erfahren werden, dass sie sich vermindernd auf ihre Handlungsfähigkeit auswirkt. Selbst Adressat*innen, deren Resilienz gegenüber den harten Lebensbedingungen des Alltags,
verhältnismäßig gewappnet ist, können in der ungewissen Zeit einer Pandemie, unvorhergesehen an ihre Grenzen kommen.

Das dürfte insoweit ein zentrales Problem sein, als dass Adressat*innen in Verhaltensmuster der Hilflosigkeit (zurück) zu fallen drohen und ihnen damit jegliche Erfahrung zur Selbstwirksamkeit verwehrt wird. Daraus resultierend, wird es in der Zeit nach der Pandemie für Sozialarbeiter*innen, Therapeut*innen, Erzieher*innen etc., zu einer bereits nach dem jetzigen Stand des Fachkräftemangels deutlich gewordenen Einschränkung der Durchführbarkeit von erforderlichen Unterstützungsmaßnahmen kommen. Es ist also jetzt schon absehbar, dass zur Bewältigung der alltäglichen Arbeit von Sozialarbeiter*innen in diversen Beratungsstellen, Notunterkünften/-schlafstellen für Obdachlose, geflüchtete und zugewanderte Migrant*innen sowie in psychiatrischen Einrichtungen, mit einer nach dem jetzigen Stand nicht zu bewältigenden Anzahl von hilflosen und verzweifelten Adressat*innen, gerechnet werden muss.

Obwohl momentan immer noch kaum dem Ausnahmezustand angepasste staatliche Maßnahmen zur Regelung des Alltags von Adressat*innen angeordnet sind, liegt es auf der Hand, dass zum Beispiel Homeoffice an sich schon mit Einschränkungen bzgl. der Durchführbarkeit von konkreten Aufgaben verbunden ist. Sie trägt damit zur qualitativen Verschlechterung der Bedingungen bzgl der Durchführbarkeit der Sozialen Arbeit bei und hat bereits jetzt zu einer unzureichenden Versorgung der Grundbedürfnisse von Adressat*innen geführt. Sofortmaßnahmen sind in der gegenwärtigen Situation der Pandemie oftmals kaum durchführbar, weder für Adressat*innen noch für Sozialarbeiter*innen. 

Erst kürzlich wurde zum Beispiel darauf hingewiesen, dass es möglich sei, Online-Anträge zu stellen. Abgesehen davon, dass die Mehrheit derjenigen Adressat*innen, die sich an mich als Sozialarbeiterin wendet, ohnehin weder alphabetisiert ist noch über einen PC-Zugang verfügt, erfahren insbesondere die Adressat*innen zusätzlich durch die Nicht-Verfügbarkeit von ausreichenden Mitteln im sozialen Bereich kaum oder gar keine Versorgung. Das ist zwar keine neue Erkenntnis, sie hat aber mit dem Eintritt der Situation der Pandemie eine neue Dimension erreicht.
Es kann zum Beispiel nicht sein, dass eine alleinerziehende Mutter nunmehr hilflos zusehen muss, wie sie und ihre Kinder am Ende des nächsten Monats obdachlos auf der Straße sitzen, nur weil es ihr nicht möglich war, einen Online-Weiterbewilligungsantrag beim Jobcenter zu stellen.


Nach etwa gut einem Monat nach Eintritt der Situation der Pandemie, wurde dann zwar bekannt gegeben, dass SGB II – Leistungen bis in den August oder das Ende des Jahres vom Jobcenter auch ohne erneute Antragsstellung weiterhin gewährt werden würden, jedoch gibt es bislang kaum oder keine praktischen Erfahrungen damit. In diesem Zusammenhang hätten, meiner Ansicht nach, zum Beispiel, gleich mit Eintritt der Situation der Pandemie, zumindestens Kinder sozial schwacher Eltern, ihr Mittagessen weiterhin durch das Bildungs- und Teilhabepaket nicht mehr nur anteilig, sondern in voller Höhe vom Jobcenter finanziert bekommen müssen. Das heißt, dass zumindestens die Versorgung mit Lebensmitteln von Kindern umgehend hätte sichergestellt werden müssen. Stattdessen wird genau hier gespart. Denn den Kinderzuschlag bekommt kein Kind, deren Mutter oder Vater im vollen Bezug von SGB ll – Leistungen ist. Von der ungeregelten Tagesstruktur, deren Ursache fehlende staatlich geförderte Maßnahmen der Kinderbetreuung sind, mal ganz abgesehen.

Somit ist die Zunahme von häuslicher Gewalt und deren unmittelbare Folgen auf die psychische Verfassung von Kindern und Jugendlichen nicht zuletzt den “Versäumnissen“ der hier verantwortlichen Familienpolitik geschuldet

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