Berichte aus der Praxis Sozialer Arbeit in der Corona-Pandemie – Bericht Nr. 2

Diesmal ein Bericht aus einer Wohngruppe. Der Bericht wurde uns am 25. April geschickt:


April 2020 – Die Welt steht still- die Straßen werden von Tag zu Tag leerer, viele der nur noch wenigen Menschen auf der Straße tragen eine Maske, es werden Corona Stationen in Krankenhäusern errichtet und für viele Menschen heißt es nun Homeoffice statt herkömmlicher Büroarbeit.
Für den allwöchentlichen Einkauf wird von nun an in einer 2-Meter-Abstand-Schlange gewartet und im Park mit Freund*innen treffen ist so einfach auch nicht mehr möglich, ganz im Gegenteil, es ist strikt untersagt.

Und in einer Wohngruppe der Jugendhilfe? Wenn ich zur Arbeit gehe, vergesse ich oftmals, dass derzeit überall sonst ein Ausnahmezustand herrscht. Eigentlich ist alles wie immer.
Die Wohngruppe besteht aus 9 Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren. Natürlich können sie gerade nicht zur Schule, einige sonst auch nicht, aber ansonsten hat sich im Wohngruppen-Alltag nicht viel verändert. Tagsüber wird gespielt, gepuzzelt, Filme und Serien geschaut und gemeinsam oder auch alleine auf dem Zimmer abgehangen. Ab und zu werden natürlich auch mal Schulaufgaben erledigt. Abends essen wir gemeinsam Abendbrot und schauen einen Film oder spielen Gemeinschaftsspiele. 
Der Dienstplan ist unverändert. Immer ein Dienst für die Nacht und noch ein bis zwei Personen im Tagdienst. Natürlich wäre es in der Corona Zeit sinnvoll, die Dienste zu reduzieren, jedoch würde das für die Mitarbeitenden Minusstunden bedeuten, was natürlich niemand möchte.
Teammeetings finden mit reduzierter Anzahl statt, offiziell führt dies aber auch zu Minusstunden.

Doch was passiert, wenn sich ein/e Jugendliche/r mit Corona infiziert? Da die Tagesgruppen geschlossen sind, gibt es die Möglichkeit, Corona Patient*innen dort unter Quarantäne zu stellen. In der Praxis ist das leichter gesagt als getan. Kommt es wirklich zu einer Infizierung, wird diese höchstwahrscheinlich erst bemerkt, wenn der Virus es schon geschafft hat, sich in der Wohngruppe munter zu verbreiten. Und für die Adressat*innen bedeutet eine Quarantäne in einer fremdem Gruppe mit fremden Mitarbeitenden auch keine Sicherheit in Isolation. Da der Dienstplan sich in der Zeit der Corona Krise nicht maßgeblich geändert hat, werden die Mitarbeitenden wohl eh nicht um eine Infizierung drum rum kommen, genau wie die anderen Jugendlichen. Es ist nun mal ein gemeinsamer Haushalt.
Im Wohngruppenalltag kommt langsam Langweile auf. Da es keine Möglichkeit gibt, Aktionen außerhalb der Wohngruppe anzubieten, fällt ihnen die Decke auf den Kopf. Vor allem denen, die weniger Kontakt mit Mitbewohner*innen haben, fällt die Zeit besonders schwer. Lange Spaziergänge und Sportangebote draußen sind der Versuch, dem entgegenzuwirken. Nicht immer führt dies aber zum gewünschten Erfolg und die Häufigkeit der Krisen einzelner Jugendlicher nimmt stetig zu.

Vor allem für die Adressat*innen in akuten Krisenphasen ist die Situation problematisch. Therapien, bei denen eigentlich fast alle Jugendlichen angebunden sind, finden derzeit nur telefonisch statt. Ein Aufenthalt auf einer Akutstation in Krankenhäusern bedeutet derzeit eigentlich nur Überwachung und das Minimum an psychologischen Gesprächen. So entscheidet sich kaum ein/e Jugendliche/r für einen Aufenthalt dort, auch wenn es noch so nötig wäre.

Natürlich kommt es auch vor, dass Jugendliche sich nicht an das bestehende Kontaktverbot halten, einige ernteten dafür bereits eine Geldstrafe, welche dann auf das Jugendhilfesystem zurückfällt. Die massive Polizeipräsenz und die Einschränkung der Grundrechte haben somit auch für unsere Adressat*innen Auswirkungen im Alltag.

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