Berichte aus der Praxis Sozialer Arbeit in der Corona-Pandemie – Bericht Nr. 3

Heute veröffentlichen wir einen Bericht der uns am 04.06. zugesendet wurde und kommt aus dem Bereich der Fansozialarbeit:

Seit Beginn des Jahres muss die Mehrheitsgesellschaft mit signifikanten freiheitsbeschränkenden Maßnahmen in Folge der Covid-19 Pandemie leben. Gegen die Verordnungen des Bundes und der Länder formiert sich nun eine Querfront aus Rechtsextremist*innen, Reichsbürger*innen, Verschwörungserzähler*innen, linken Gruppen und Impfgegner*innen. Im Mittelpunkt stehen der vermeintliche Impfzwang und Grundrechtsverletzungen z.B. im Versammlungsrecht oder in der Freizügigkeit. Gängige Verschwörungserzählungen finden Anschluss an die Mehrheitsgesellschaft und sorgen für ein verstärktes Misstrauen gegen Politiker*innen sowie den Leitmedien.

Was in der Zeit der Pandemie aktuell passiert, dass Grundrechte beschnitten werden und sich die Menschen nicht mehr frei bewegen können, ist allerdings nicht neu. Im Rahmen von Fußballspielen arbeiten die Ordnungsbehörden bereits seit Jahren mit solchen Mitteln. Dazu zählen neben Stadionverboten auch die sogenannten Stadtbetretungsverbote auf Basis der Polizei- und Ordnungsbehördengesetze der Länder. Aber auch antifaschistischer Widerstand wird immer wieder kriminalisiert und ist von solchen Maßnahmen betroffen. Bei der Durchsetzung des neuen Polizeiaufgabengesetztes (NpoG) in Niedersachsen hielt sich der Protest der Mehrheitsgesellschaft allerdings in Grenzen. Lediglich linke Gruppen, Fußballfans und ein Bündnis aus Gewerkschaften brachte den Protest auf die Straße. Viele andere argumentierten damit, dass es für das allgemeine Sicherheitsgefühl wichtig wäre und billigten damit einen ersten Schritt in einen autoritären Staat einhergehend mit massiven Grundrechtseinschränkungen. Doch durch die Covid-19 Pandemie sind nun deutlich mehr Menschen von solchen Einschränkungen betroffen und nicht mehr nur Personen die als „Störer*innen“ markiert werden.

Eine weitere Folge der Covid-19 Pandemie ist das Erstarken von Rassismus innerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Insbesondere Anti-Asiatischer Rassismus hat hier bedeutend zugenommen. Asiatisch gelesene Menschen sind von Ausgrenzung und Ablehnung betroffen, da ihnen durch Politiker*innen und den Medien direkt oder

indirekt die Schuld am Ausbruch an der Pandemie gegeben wird. Leider leben wir generell in einer Welt, wo gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eine immer höhere Akzeptanz findet. Die Corona Pandemie verstärkt diese Mechanismen und sorgt so dafür das sich die Soziale Arbeit wieder verstärkt auf das politische Mandat besinnen muss um die vorherrschenden gesellschaftlichen Zustände zu verändern.

Neben dem Weg in einen autoritären Staat mit stetig wachsenden Befugnissen für die Polizei und der Diskussion um mögliche Einsätze der Bundeswehr im Inneren, ist es für die Adressat*innen von Sozialer Arbeit eine schwierige Zeit. Einrichtungen für Wohnungslose, Frauenhäuser, Jugendzentren, Kitas und Schulen bleiben wochenlang geschlossen und stellen Eltern vor neue Herausforderungen.  Menschen in prekären Wohn- und Lebensverhältnissen bekommen in dieser Zeit wenig bis keine Unterstützung, da auch Sozialarbeiter*innen von Kontaktverboten betroffen sind. Jugendliche, welche von häuslicher Gewalt bedroht sind, finden keine Zufluchtsorte mehr. Besonders die Beziehungsebene zwischen Adressat*innen und Sozialarbeitenden geht in Folge der Covid-19 Pandemie verloren und erschwert somit die tägliche Arbeit. Eine noch größere Herausforderung werden die gesellschaftlichen Folgen durch Corona sein. Die Soziale Arbeit wird sich mit einer weiteren Aufspaltung der Mehrheitsgesellschaft in arm und reich konfrontiert sehen. Arbeitslosigkeit sowie Wohnungslosigkeit werden durch Kurzarbeit und Insolvenzen zunehmen, durch den enormen Fachkräftemangel innerhalb der sozialen Arbeit und den fehlenden finanziellen Mitteln wird es über kurz oder lang zu massiven Engpässen bei Hilfeangeboten kommen. Hier geht die allgemeine Sparpolitik auf Kosten der Adressat*innen. 

Neben den vielen negativen Folgen für die Soziale Arbeit und deren Adressat*innen ist die aktuelle Krisensituation aber auch eine Chance. Denn sie gibt uns Sozialarbeitenden Raum zum Umdenken. Unterstützungs- und Bildungsangebote können in den digitalen Raum verlegt werden. Außerdem gibt uns Covid-19 auch die Möglichkeit Lohnarbeit, Arbeitsbedingungen und die Ausstattung von Sozialer Arbeit neu zu denken. Durch die drohenden Missstände in Form von Arbeitslosigkeit und Armut ist es möglich neue Forderungen an die Entscheider*innen zu stellen um eine gelingende Soziale Arbeit nach der Covid-19 Pandemie zu gewährleisten.

Das Fazit ist also, dass Soziale Arbeit aktuell nur unter noch schlechteren Bedingungen möglich ist als im Normalzustand schon. Grundrechtsbeschränkungen, Kontaktverbote und Repressionen in Form von Bußgeldkatalogen sorgen dafür, dass es fast unmöglich ist mit den Adressat*innen in Kontakt zu kommen und konkrete Hilfe anzubieten. Wir können sehen das die Pandemie einen Nährboden für Verschwörungserzählungen, Antisemitismus, Anti-Asiatischen Rassismus und alle anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit bietet. 

Es braucht daher eine starke kritische Soziale Arbeit um die Folgen der Covid-19 Pandemie aufzufangen und Strukturen neu zu überdenken. Es ist unter anderem die Chance, Lohnarbeit neu zu bewerten und uns zu überlegen, wie diese flexibler und fairer gestaltet werden kann. Wir können neue Unterstützungs- und Hilfeangebote im digitalen Raum implementieren um einem größeren Kreis an Menschen konkrete Hilfe anbieten zu können. Durch die Unruhen weltweit erfahren Angebote zur politischen Bildung ein größeres Interesse und eine höhere Akzeptanz innerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Auch hier sehe ich die Chance für die Soziale Arbeit, dem Auftrag der Demokratiestärkung und dem Abbau von stereotypen Handlungsweisen gerecht zu werden. Das Feld der rassismuskritischen Bildungsarbeit muss weiterhin von uns Sozialarbeitenden besetzt werden da sie in Folge der drohendenden gesellschaftlichen Veränderungen noch wichtiger wird als sie es ohnehin schon ist.

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