Beschwerde beim Presserat

Am Vorabend der am 06. Juni 2020 bundesweit stattfindenden Demonstrationen gegen strukturellen Rassismus in den USA und Deutschland im Kontext der Black Lives Matter-Bewegung erschien in der HAZ-online ein Artikel, der dieses Engagement ad absurdum führt. Unter der Überschrift „Schlägerei zwischen Roma-Familien. Kampf um Bettelreviere? Was hinter der Massenschlägerei in Badenstedt steckt“ reproduziert der Autor Andreas Schinkel eine Reihe von jahrhundertealten und institutionalisierten Stereotypen gegenüber Personen, die von der Mehrheitsgesellschaft als Roma wahrgenommen und (durch Berichte, wie dem vorliegenden) stigmatisiert werden.

Wir reichen hiermit Beschwerde gegen diese diskriminierende Berichterstattung ein und fordern den Presserat zu entsprechenden Schritten auf.

Zur Begründung der Beschwerde:

  1. In Ziffer 8.1. Kriminalberichterstattung des Pressekodex wird darauf hingewiesen, dass u.a. Fotos nur im Einzelfall gezeigt werden dürfen, insbesondere, wenn Kinder oder (unbeteiligte) Familienangehörige betroffen sind. Der kritisierte Artikel war demgegenüber mit verschiedenen Fotos, auf denen auch Kinder zu sehen sind, bebildert. 
  2. Angaben über den Wohnsitz sind unter allen Umständen zu vermeiden (Ziffer 8.8). In dem Artikel wurden die konkreten Adressen der Beteiligten genannt, sowohl aktuelle als auch frühere; ein solches Vorgehen ist untragbar. In einer Zeit, in der immer wieder Anschläge auf Unterkünfte, in denen Geflüchtete untergebracht sind, durchgeführt werden, 28 Jahre nach den Anschlägen in Rostock-Lichtenhagen, 27 Jahre nach den Anschlägen in Solingen Adressen von Personen zu veröffentlichen, die regelmäßig rassistischen Übergriffen ausgesetzt sind, grenzt an fahrlässige Körperverletzung.
  3. In Ziffer 10 wird darauf hingewiesen, dass keine weltanschaulichen oder sittlichen Überzeugungen geschmäht werden dürfen: Äußerungen in dem Artikel wie „Roma-Familien sind streng patriarchalisch organisiert und leben nach ihren eigenen Regeln“ können zumindest als klare Abgrenzung zu einem vermeintlich egalitären ‚deutschen‘ Familienbild verstanden werden, wenn nicht gar als Schmähung eines als archaisch wahrgenommenen patriarchalischen Familienbild.
  4. Am deutlichsten wird der Bruch mit dem Pressekodex bei Ziffer 12 Diskriminierungen, die besagt, dass „[n]iemand […] wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden [darf]“, und weiter, dass „in der Berichterstattung über Straftaten […] darauf zu achten [ist], dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Bei dem Bericht handelt es sich um eine Hintergrundinformation zu einer Straftat, um diese geht es jedoch in dem Text gar nicht weiter. Vielmehr werden diskriminierende Ausführungen über die „schwer oder gar nicht integrierbaren“ Zugewanderten („schwierige Klientel“) wiederholt, die nur um Kindergeld zu beantragen ihre Heimatländer verließen und in Hannover verschiedenfach kriminell werden (u.a. Gewalttaten, unerlaubtes Betteln). Dabei wird eine ethnische Zugehörigkeit unterstellt („Roma“) und diese diskursiv mit dem abweichenden Verhalten Einzelner verknüpft. Die Darstellungen werden unterlegt mit subjektiven Beobachtungen einer Person.In dem Beitrag wird ein Sozialarbeiter zitiert, der seine Schweigepflicht sichtlich verletzt, indem er öffentlich Details aus der Beratungsarbeit preisgibt und unhaltbare Spekulationen anstellt, die in verantwortungsvoller Berichterstattung zu unterlassen sind: „In ihren Herkunftsländern, Rumänien und Bulgarien, sind sie meist ausgegrenzt und fristen ein Dasein in bitterer Armut. ‚Viele leben am Rande von Müllkippen‘, weiß Schroeder-Busch.“ Woher er dies weiß, bleibt unklar. Er spekuliert weiter: „Das klingt alles nach einer Familienfehde“. Clans gerieten in Streit zumeist wegen „Liebe und Triebe“. Vorstellbar sei auch, sagt der Sozialarbeiter, dass sich die Familien wegen Bettelrevieren in der City in die Haare bekommen haben. Aber unterstellen wolle er natürlich nichts.“ Gegenüber den beinahe animalisch dargestellten „Roma“ („Liebe und Triebe“) wird ein „Bildungsbürgertum“ gestellt: Ansätze der Sozialen Arbeit erreichten die Zielgruppe nur sehr begrenzt denn „‚[s]olche internen Angelegenheiten werden in der Beratung gar nicht thematisiert. Das regeln die Leute selbst‘, sagt er.“ Es findet deutlich eine diskriminierende Verallgemeinerung statt. In dem Bericht werden altbekannte antiziganistische Bilder aufgegriffen und unreflektiert wiederholt – Sie leben auf dem oder verursachen Müll, Großfamilien, teure Autos, Betteln, ungebildet, Sozialbetrug. Die Begriffe müssen gar nicht alle explizit genannt werden, das Bild bei den Lesenden entsteht automatisch.

  • In dem kritisierten Bericht wird durch die wiederholte Nennung der vermeintlichen Gruppenzugehörigkeit diese unangemessen herausgestellt. Es bleibt völlig unklar, woher der Autor oder der zitierte Sozialarbeiter wissen, dass es sich bei den beteiligten Personen um „Roma“ handelt, und das unabhängig von der grundsätzlich problematischen Fremdzuschreibung von Personen unter die sehr heterogene Bezeichnung „Roma“. Diese wird zudem mit abwertenden Begriffen und Formulierungen verknüpft („nicht integrierbar“, „schwierig“). Damit werden diskriminierende Stereotype bedient und Gruppen verunglimpft. Damit widerspricht der Text eindeutig den Praxis-Leitsätzen des Pressekodex zu Ziffer 12.1.

Wir bitten um genaue Prüfung des Sachverhalts und Einleitung geeigneter Schritte gegen diese Berichterstattung, die keinen Einzelfall darstellt, in dieser Deutlichkeit jedoch besonders unangemessen ist.

Mit freundlichen Grüßen,

AKS Hannover

Hier findet ihr den Artikel in der Online-Version:

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