Berichte aus der Praxis Sozialer Arbeit in der Corona-Pandemie – Bericht Nr. 4

Es geht weiter: Heute veröffentlichen wir einen Bericht aus der Arbeit in einem Tagesaufenthalt der uns am 11.06.2020 zu geschickt wurde.

Bericht über die Arbeit in einem Tagesaufenthalt 

Beobachtungen, was geschieht grade durch Corona, was hat sich gewandelt? 

ÜBLICHES ANGEBOT

„Der Tagesaufenthalt Nordbahnhof richtet sich an Menschen, die von Wohnungsnot und Armut betroffen sind und Unterstützung in dieser schwierigen Lebenssituation brauchen. 

In unserem Tagesaufenthalt können Sie sich einfach nur aufhalten, einen Kaffee trinken, eine Kleinigkeit essen; mit anderen Menschen reden oder spielen, die Tageszeitungen lesen oder die Computer mit Internetanschluss nutzen. Unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stehen bei Bedarf zur Verfügung und haben ein offenes Ohr für Ihre Belange. Ungestörte Gespräche können im Büro stattfinden, wenn Sie Fragen über die Inanspruchnahme von Hilfe haben oder wenn ein Antrag ausgefüllt werden muss. Vielleicht möchten Sie auch einfach über ein für Sie wichtiges Thema reden.

Der Tagesaufenthalt Nordbahnhof bietet Ihnen eine Grundversorgung mit Essen und Trinken zum Selbstkostenpreis. Es besteht die Möglichkeit zur Körper- und Wäschepflege, eine Notversorgung mit Bekleidung wird bereitgestellt.

Zur medizinischen Versorgung bieten wir eine wöchentliche ärztliche Sprechstunde durch die Straßenambulanz des Caritas. Eine zahnärztliche Versorgung wird durch das Zahnmobil angeboten. Beide Angebote können auch ohne Krankenversicherung in Anspruch genommen werden.“

Als die Maßnahmen zu Beginn der Corona Pandemie Mitte März in Deutschland einsetzten, waren wir komplett überfordert. Sollten wir den Tagesaufenthalt offen lassen oder mussten wir schließen? Galten die Öffnungsverbote für Tagesstätten auch für uns oder waren Tagesaufenthalte eine Nische, die geöffnet bleiben konnten? Unsere Geschäftsleitung fragte damals bei der Region an, wie wir nun verfahren sollten, aber von dort kam keine direkte Anweisung. Wir berieten mit unserer Leitung, ob wir öffnen sollten und wir entschieden zunächst, dass wir erst einmal schließen, so wie die meisten Tagesaufenthalte auch. Es war ein komisches Gefühl, dass wir unsere Adressat*innen im Stich ließen. Unsere Argumentation schien uns jedoch schlüssig, da wir damit verhindern wollten, dass unsere Besucher*innen jeden Tag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu uns kommen und sich so die Gefahr der Ansteckung und der nicht mehr rückverfolgbaren Infektionskette vergrößert. Wir alle sahen die Stadtverwaltung in der Verantwortung, die wohnungslosen Menschen in Hannover in Einzelunterkünfte wie Hotels unterzubringen, sodass sie sich auch an die Kontaktbeschränkungen halten konnten. Alle möglichen Akteure aus der Wohnungslosenhilfe forderten die Kommune dazu auf, diese Idee umzusetzen. 

Als sich die Stadt nach ein paar Tagen immer noch nicht geregt hatte, hielten wir es als Verein nicht mehr aus und öffneten den Tagesaufenthalt wieder mit eigenen Maßnahmen, um die mögliche Ansteckung so gering wie möglich zu halten. Zuvor überließ die Leitung jedem Einzelnem im Team, welches aus vier Leuten bestand, die Entscheidung, ob er oder sie weiterhin unter diesen Bedingungen weiter arbeiten oder lieber sicher zu Hause bleiben wollte. Denn es war klar, dass wir die Maßnahmen nicht zu 100% durchziehen konnten und dass dort zu arbeiten ein wesentlich höheres Ansteckungsrisiko war, da man jeden Tag mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt kam. Zwei Mitarbeitende aus unserem Team entschieden zunächst, während den Öffnungszeiten nicht im Tageaufenthalt zu arbeiten. Ich fand es gut, dass jedem ohne Druck die Möglichkeit bereitgestellt wurde, dies für sich zu entscheiden. Da wir damit aber nur noch die Hälfte an Mitarbeitenden, also zwei zur Verfügung hatten, unterstützten uns die neuen Mitarbeitenden der SeWO e.V. im Anerkennungsjahr und meine Nachfolgerin, die alle erst ab dem 01.04.2020 beginnen sollten. Sie waren so engagiert, dass sie Wochen vorher schon mit der Arbeit anfingen. Auch ein weiterer Sozialarbeiter, der davon gehört hatte, unterstützte uns tatkräftig ehrenamtlich mit. Er konnte aufgrund der Corona-Maßnahmen nicht in seinem eigentlichen Job arbeiten und bekam eine Erlaubnis von seinem Arbeitgeber, uns in der Zeit unterstützen zu dürfen. Die Mitarbeitenden, die zu Hause blieben, kümmerten sich so gut es ging, um Dinge, die außerhalb der Öffnungszeiten zu erledigen waren. Auch die Mitarbeitenden aus unserer Helfer*innen-gruppe wurden gefragt, ob sie weiter arbeiten wollten. Alle wollten weiter arbeiten. Da wir auch Menschen mit Vorerkrankungen in dieser Gruppe haben, schauten wir, dass diesen Menschen es ermöglicht wurde, weiter zu arbeiten und sicherer zu sein. 

Da uns bewusst war, dass die Wahrscheinlichkeit höher lag, dass wir unsere Besucher*innen anstecken würden, als anders herum, besorgten wir zunächst Masken für die Mitarbeitenden. Außerdem schafften wir auch die Preise für unsere Getränke zeitweise ab, um ohne Bargeld Infektionen zu verringern. Wir entschieden auch, zunächst täglich von Montag bis Sonntag zu öffnen, da die anderen Tagesaufenthalte ja den Betreib weitgehend eingestellt hatten. Alle wechselten sich irgendwann so ab, dass jeder zwei Tage in der Woche frei bekam. 

Da unser Tagesaufenthalt, im Gegenzug zu anderen Tagesaufenthalten in Hannover, recht geräumig ist, entschieden wir, dass 10 Besucher*innen gleichzeitig im Tagesaufenthalt verweilen durften. Wir rückten die Tische und Stühle im Tagesaufenthalt so um, dass die Abstände größtenteils eingehalten werden konnten. Waren diese Plätze voll, schrieben wir am Einlass die Namen der Wartenden draußen auf eine Warteliste. Wir wechselten dann immer so ca. nach einer Stunde, sodass die, die schon lange drin waren, rausgeschickt wurden, damit die Wartenden einen Platz drinnen bekamen. Ich hasste es, die Menschen bitten zu müssen, unseren Laden zu verlassen. Zuvor konnte jeder Mensch reinkommen und sich bei uns aufzuhalten, solange wir geöffnet hatten. Ich entschuldigte mich daher oft, während ich sie raus bat und erklärte mich immer wieder. 

Wir versuchten darauf zu achten, dass Menschen, die auf der Straße oder in Notschlafstellen schliefen, Vorrang beim Einlass bekamen, da diese noch schutzbedürftiger waren und sonst keinen anderen Ort haben, an dem sie halbwegs sicher sein können. Auch hier war das Verständnis von Besucher*innen mit Wohnungen wieder sehr groß. Wenn das Wetter gut war, war die Stimmung vor dem Laden auch recht gut. Dann waren die Sitzplätze draußen manchmal sogar beliebter. Draußen jedoch den Abstand einzuhalten, war aufgrund des geringen Platzes eine Herausforderung. Ständig mussten wir die Besucher*innen darauf aufmerksam machen, sich an den Abstand zu halten. 

Der Großteil der Besucher*innen waren, in Bezug auf unsere Maßnahmen, sehr verständnisvoll und waren froh, dass wir wenigstens überhaupt auf hatten. Denn von ein auf den anderen Tag schlossen zunächst alle Tagesaufenthalte und auch die Stadt war auf einmal sehr leer durch die geschlossenen Geschäfte, sodass es Flaschensammler und Bettelnde sehr schwer hatten, zu etwas Geld und schließlich auch zu Nahrung und den alltäglichen Dingen zu kommen. Auch die Tafeln schlossen von ein auf den anderen Tagen komplett. Vielen Menschen in Armut in Hannover brach dadurch eine wichtige Unterstützung weg. 

Die Stadt stellte zumindest 80.000€ für eine Lebensmittelversorgung der wohnungslosen Menschen bereit, um in Kooperation mit mehreren ehrenamtlichen und professionellen Akteuren aus der Wohnungslosenhilfe einmal am Tag von Mo-So. an sechs verschiedenen Standorten in Hannover warmes Essen To-Go zu verteilen. In dem Zug wurden uns jeden Tag belegte Brötchen und Lunchpakete geliefert, die wir dann an die Besucher*innen verteilen konnten. Nach zwei Monaten war das bereitgestellte Geld leer und die Essenversorgung wurde, zumindest von Seite der Stadt eingestellt. Die ehrenamtlichen Akteure, hier namentlich zu nennen die Obdachlosenhilfe e.V. versuchten, ihr eigenes Angebot zu vergrößern, um an drei Tagen eine warme Mahlzeit ausgeben zu können. 

Bericht über die Arbeit in Zeiten zu Corona bei RE_StaRT: 

  • Seit Beginn zu Corona arbeitet das Team RE_StaRT hauptsächlich im Home Office, da die Behörden auch alle geschlossen sind und wir unter unseren Adressat*innen keine Infektionsketten bilden wollten. Nur in Notfällen sollten wir Termine mit unseren Adressat*innen im Büro stattfinden lassen.
  • Mit dem Jobcenter funktioniert die  Zusammenarbeit aufgrund der Corona-bedingten Dienstanweisungen überraschenderweise sehr gut, da sich die Arbeitsweise vom JC zumindest in der Corona-Zeit sehr geändert hat (keine Sperrungen mehr, einen vereinfachten Erst-Antrag, wofür man kaum Unterlagen benötigte, keine WBA’s nötig, oft wurde auf das Verlagen die Vollmacht sehen zu dürfen verzichtet, was unsere Aufgabe gerade bei Corona sehr vereinfachte. )
  • Jobcenter genehmigte nach kurzer Zeit Hotelunterbringung für seine wohnungslosen Kund*innen. Sie zahlten bis zu 40€ pro Tag für ein Einzelzimmer. Das Sozialamt dagegen war für diese Maßnahme nicht so offen, sodass diese weiterhin nur 450€/Monat für Miete bezahlen. Dies ist ein leistungsrechtlicher Fehler, da keine Unterschiede gemacht werden dürfen, indem was einem als ALGII-Bezieher oder einem Grundsicherungsempfänger zusteht.
  • Wir hatten das Gefühl, dass in den ersten Wochen während Corona mehr Adressat*innen eine neue Wohnung fanden. Wir mutmaßten, dass es einerseits daran lag, dass nur diejenigen suchten, die auch wirklich dringendst eine Wohnung benötigten, zum einen, dass die Vermieter und Genossenschaften nicht unendlich viele Einzelbesichtigungen durchführen wollten, da Sammelbesichtigungen ja nicht mehr möglich waren. 
  • Dadurch, dass die Zusammenarbeit  mit dem Jobcenter durch deren Corona-bedingten Dienstanweisungen so gut lief und unsere Netzwerkpartner*innen, wo wir häufig Neuanfragen bekamen, meist auch nur telefonisch Kontakt mit ihren Adressat*innen hatten, hatten wir anfangs generell weniger Neuanfragen. Zuvor war ja der „Kampf gegen das Jobcenter“ alltägliche Routine für uns Mitarbeitenden. 
  • Thema Unterbringung funktioniert derzeit tatsächlich auch sehr gut.  

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